Zeit für Mahlzeiten in den Familien

Stand: 11/16/2015
Deutsche nehmen sich kaum Zeit zum Essen - zu diesem Fazit kam 2011 eine Ernährungsstudie, die am Allensbacher Institut für Demoskopie von Nestlé in Auftrag gegeben wurde. Anstelle von regelmäßigen Mahlzeiten werden oft Snacks zwischendurch und nebenbei konsumiert. Einer gemütlichen, ausgewogenen Mahlzeit in Gesellschaft wird kaum mehr Raum gegeben.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa zum Ernährungsverhalten der Menschen in Deutschland, die 2013 von der Techniker Krankenkasse (TK) in Auftrag gegeben wurde. Diese TK-Studie folgt der These, dass in Ruhe und ohne Ablenkungen eingenommene Mahlzeiten schlank halten. Denn wer sich auf sein Essen konzentriert - so die Begründung - der achtet mehr auf sein Sättigungsgefühl als jemand, der durch gleichzeitigen Medienkonsum abgelenkt ist. Menschen mit geregelten Mahlzeiten neigen demnach auch etwas weniger zu Gewichtsproblemen als diejenigen, mit einem unregelmäßigen Tagesablauf.
Das Meinungsforschungsinstitut ermittelte in seiner Befragung von 1000 erwachsenen Personen, dass jeder Dritte sich beim Essen nebenher mit Fernsehen, Computer oder Zeitschriftenlesen beschäftigt. Dieses Essverhalten ist unabhängig vom Geschlecht. Es spielen diesbezüglich vor allem das Alter, das Einkommen und der Familienstand eine Rolle. Besonders die Gruppen der jüngeren Menschen, der Singles und der Geringverdiener beschäftigen sich während der Mahlzeiten gerne auch nebenher mit anderen Dingen. Je älter ein Mensch ist, desto mehr schätzt er das Essen in Ruhe am gedeckten Tisch. Auch Familien mit Kindern essen regelmäßig am traditionellen gedeckten Tisch. Bei einem Viertel der “Ein-Kind-Haushalte“ läuft dabei jedoch der Fernseher. Erst ab zwei Kindern sinkt diese Quote auf 15 Prozent.

Zukunftsforschern zufolge wird es zunehmend schwieriger, gemeinsame Mahlzeiten für eine ganze Familie zu koordinieren. Innerhalb einer Familie essen zuweilen alle Familienmitglieder mittags außer Haus, in der Kantine, in der Kita oder in der Schulmensa. Das Abendbrot wird dann zur Hauptmahlzeit. Und selbst dieses Mahl wird durch unterschiedliche Freizeitaktivitäten nicht unbedingt täglich gemeinsam eingenommen. Aufgrund der Berufstätigkeit beider Eltern steigt bei den Mahlzeiten der Anteil von zeit- und arbeitssparenden Convenienceprodukten. Die schnell zubereiteten Fertiggerichte sind dann für die Familienmitglieder oft nicht mit dem stilisierten Genusswert eines frisch und „mit Liebe“ zubereiteten Essens gleichzusetzen.

Umso schöner werden dann die seltenen Momente des Familienlebens am Familientisch erlebt, die meist erst am Wochenende zu verwirklichen sind. In der von der AOK beauftragten Familienstudie des SINUS-Instituts aus dem Jahr 2014 wurden bei einer Repräsentativbefragung von Eltern mit Kindern von vier bis 14 Jahren die schönsten Momente in der Familie erfragt. Mit 81 Prozent wurden dabei die gemeinsamen Mahlzeiten angegeben. Das Idealbild vom Familientisch ist also immer noch zeitgemäß, nur kommt es eben nicht täglich vor. Es sollte dahingehend auch nicht überhöht werden, um die sich verantwortlich fühlenden Eltern bei ungünstigen Rahmenbedingungen nicht übermäßig unter Anforderungsdruck zu setzen.


Die Bedeutung von Mahlzeiten

Trotz aller Hektik im (Berufs-)Alltag sollte den Mahlzeiten nach Möglichkeit genügend Zeit eingeräumt werden. Sie geben die Tagesstruktur vor und sorgen für eine gleichmäßige Kalorien- und Nährstoffverteilung über den Tag. Wird – umgekehrt – immer wieder eine Kleinigkeit zwischendurch gegessen oder Süßes getrunken, so schüttet die Bauchspeicheldrüse laufend Insulin aus. Insulin hemmt unter anderem den Abbau von Körperfett und fördert die Einlagerung von Fett in den Körperdepots. Dadurch kann langfristig die Entstehung von Übergewicht begünstigt bzw. eine Gewichtsabnahme erschwert werden.
Bei Kindern empfiehlt die Deutsche Gesellschaft der Ernährung insgesamt fünf Mahlzeiten am Tag, drei Hauptmahlzeiten und zwei kleinere Zwischenmahlzeiten. Im üblichen Tagesablauf von Kindern und Jugendlichen sind diese Mahlzeiten auch problemlos einzuhalten. Bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen wird empfohlen, die Anzahl der Mahlzeiten nach dem individuellen Wohlbefinden im Tagesablaufs auszurichten.

Mahlzeiten haben auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie bilden „Ruhe-Inseln“ im Alltag, sind Anlass für ein menschliches Miteinander und bieten Gelegenheiten für den Sozialisationsprozess und die Ernährungserziehung von Kindern und Jugendlichen.

Essen lernen Kinder beim und durch Essen. Bei der Erziehung des Essverhaltens darf die eigene Vorbildfunktion von den Familienmitgliedern nicht unterschätzt werden. Das Nachahmen von geliebten Bezugspersonen ist die wichtigste Lernform und wirkungsvoller als jede zurechtgelegte Argumentation. Die eigene Vorbildrolle sollte bei Kindern mit schwierigem Essverhalten am Familientisch sogar ganz bewusst zum Tragen kommen.


Tipps zu einer unbeschwerten Ernährungserziehung am Familientisch finden Sie hier.


Quellen und weiterführende Informationen
  • LEL Schwäbisch Gmünd/ Infodienst Landwirtschaft-Ernährung-Ländlicher Raum (Hrsg.): Gemeinsam schmeckt es besser – und ist auch noch gesünder, im Internet unter: www.food-monitor.de (Zugriff 18.07.2017)
  • Dr. Ingrid Kiefer, Dr.Karl Zwieauer: Was Kinder wirklich brauchen – Das Ernährungsbuch für Eltern, Kneipp-Verlag, Wien 2011
  • Nestle Deutschland AG (Hrsg.): Die Nestlé Studie 2011 - So is(s)t Deutschland, im Internet unter: www.nestle.de (Zugriff am 18.07.2017)
  • Ingrid-Ute Leonhäuser, Uta Meier-Gräwe, Anke Möser, Uta Zander, Jacqueline Köhler: Essalltag in Familien, VS-Verlag, 2009
  • Gesa Schönberger, Barbara Methfessel (Hrsg.): Mahlzeiten – Alte Last oder neue Lust?, VS-Verlag, Wiesbaden, 2011
  • AOK (Hrsg.): Familienstudie - Forschungsbericht des SINUS-Instituts, 2014, Im Internet unter www.aok-bv.de (Zugriff 16.11.2015)
  • Techniker Krankenkasse (TK) (Hrsg.): Forsa-Studie: Iss was, Deutschland? – TK-Studie zum Ernährungsverhalten der Menschen in Deutschland, 2013, im Internet unter www.tk.de (Zugriff 16.11.2015), zu lesen hier (Zugriff 18.07.2017)





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