Ferkelkastration im Überblick

Stand: 03/11/2020
Die Ferkelkastration ist ein Thema, das immer mehr Gemüter bewegt. Die Branche der Schweinefleischerzeugung beschäftigt sich schon seit vielen Jahren damit. Spätestens seit dem die Frist für den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration vom 31.12.2019 bis zum 31.12.2020 verlängert wurde, ist die Diskussion auch bei den Verbrauchern angekommen. Doch im Dschungel von Reportagen, Berichten und hitzigen Diskussionen fällt es schwer den Überblick zu behalten.
Warum werden Ferkel kastriert?
Über welche Alternativen zur traditionellen Ferkelkastration wird in Deutschland diskutiert?

Nachfolgend ein Überblick über den aktuellen Sachstand.


Warum werden Ferkel kastriert?

Die Kastration männlicher Schweine hat in Deutschland eine lange Tradition, die sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.
Eber produzieren männliche Geschlechtshormone, wodurch sich geschlechtsspezifische Geruchsstoffe bilden, die sich im Körper des Ebers verteilen und sich unter anderem im Fleisch einlagern. Nach dem Erhitzen des Fleisches kann es in manchen Fällen zu einer unangenehmen Geruchsveränderung kommen, den viele Menschen als fäkal- oder auch urinartig beschreiben. Damit ist der typische „Ebergeruch“ gemeint. Mit der Kastration werden die Geruchsabweichungen verhindert. Sie ist aber auch förderlich für das Zusammenleben der Tiere in Gruppen, weil kastrierte männliche Schweine deutlich seltener Rangkämpfe untereinander austragen. Darüber hinaus können sie mit ihren weiblichen Artgenossen zusammen aufgezogen werden.
Bisher wurden Schweine in Deutschland bis zum achten Lebenstag ohne Betäubung, also bei vollem Bewusstsein, kastriert. Um den Schmerz nach der OP zu lindern, wird eine Schmerzmittelgabe empfohlen. Die Schmerzmittelgabe ist verpflichtend sowohl in der ökologischen Schweinehaltung als auch in dem konventionellen Prüfsystem für Lebensmitteln „QS“ (Qualitätssicherungssystem), dem viele konventionell wirtschaftende Betriebe angeschlossen sind.


Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration

Der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration bis zum 31.12.2020 ist beschlossene Sache. Im Zentrum der Forderungen steht das Tierschutzgesetz, das eine Schmerzausschaltung vorsieht. Die Branche steht nun vor der Herausforderung, in der verbleibenden Zeit eine geeignete Alternative zu finden, mit der sich alle Beteiligten der Produktionskette und die Verbraucher arrangieren können. Zur Diskussion stehen 3 unterschiedliche Wege.

1. Ebermast
Die naheliegendste Möglichkeit wäre, die männlichen Ferkel nicht zu kastrieren und sie als Eber zu mästen. Das hat zum einen den Vorteil unversehrter Tiere und zum anderen haben Eber im Vergleich zu Kastraten bessere Mastleistungen, d.h. einen höheren Magerfleischanteil und eine bessere Futterverwertung. Die Fettzusammensetzung der Eber ist allerdings nur bedingt für die Verarbeitung geeignet. Allerdings ist die Akzeptanz für Eber auf dem deutschen Markt gering und der Absatzmarkt klein. Sowohl für die Mäster als auch für die Schlachtunternehmen entsteht ein beträchtlicher Mehraufwand. Schweine müssten zukünftig getrenntgeschlechtlich gemästet werden und gleichzeitig käme es in Ebergruppen vermehrt zu Rangkämpfen und Verletzungen untereinander. Für die Schlachtunternehmen wäre die Vermarktung von Eberfleisch zeit- und damit personalaufwändiger: Zum einen müssten die die Hoden am Schlachtkörper entfernt werden und zum anderen muss sicher gestellt sein, dass kein mit Ebergeruch belastetes Fleisch in den Handel kommt. Die Problematik „Ebergeruch“ und der fehlende Absatzmarkt bleiben die Hauptbedenken bei dieser Alternative zur Ferkelkastration.

2. Immunokastration
Bei der Immunokastration werden Eber während der Mast zweimal geimpft. Durch diese Impfung wird die Hormonkaskade unterbrochen, die für den Ebergeruch und die Geschmacksveränderung im Eberfleisch verantwortlich ist. Die immunokastrierten Eber können weiterhin mit ihren weiblichen Artgenossen gemästet werden und Verhaltensauffälligkeiten werden stark reduziert. Der Impfstoff selbst besitzt keine hormonelle Wirkung und hinterlässt im Fleisch auch keinerlei Rückstände. Die häufige Verbrauchersorge, es würde sich um „Hormonfleisch“ handeln, ist unbegründet. Gleichzeitig ist das Risiko für Geruchsabweichungen minimal. Trotzdem befürchten die Schlachtunternehmen einen zu kleinen Absatzmarkt und der zusätzliche Arbeitsaufwand wäre derselbe wie bei der Schlachtung von Ebern. Vor dem Hintergrund des Tierschutzes und Tierwohls ist diese Alternative zu favorisieren.

3. Inhalationsnarkose
Die Kastration unter Vollnarkose mit begleitender Schmerzmittelgabe ist zwar kein Ausweg aus der chirurgischen Kastration, aber eine Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration. Für die nachfolgende Wertschöpfungskette bei Verarbeitung und Handel ergibt sich kein Mehraufwand und das Verfahren wird seitens der Verbraucher häufig positiv bewertet. Die Anwendung des Narkosegases birgt jedoch für den Anwender einige Risiken. Bei der Anwendung kann es passieren, dass Gas an der Ferkelmaske vorbei in die Atemluft strömt. Das Narkosegas Isofluran hat auf den Menschen eine ähnlich betäubende Wirkung wie auf die Tiere und steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Krebsrisiko. Zudem ist es klimaschädlich. Darüber hinaus stellen die hohen Anschaffungskosten für das Narkosegerät viele Ferkelerzeuger vor eine Herausforderung, weshalb es fraglich bleibt, ob diese Alternative flächendeckend angewandt werden kann. Bei korrekter Anwendung kann eine schnelle und sichere Einleitung der Narkose allerdings gewährleistet werden.

In Deutschland kann zwischen den dargestellten Alternativen gewählt werden. Andere Länder haben andere Lösungen für das Problem gefunden. In Dänemark, Schweden und Norwegen geht man den Weg der Lokalanästhesie und in Holland werden die Ferkel vor dem Eingriff mit CO2 durch den Landwirt betäubt. Diese Alternativen widersprechen aber dem deutschen Tierschutzgesetz, das die wirksame Schmerzausschaltung verlangt. Die Lokalanästhesie wie auch die CO2 Betäubung können diese nicht sicherstellen.


Vertiefende Informationen finden Interessierte in der Broschüre: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) (Hrsg.): Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration, Bonn 2019, im Internet unter ble-medienservice.de (Zugriff 11.03.2020).


Fazit

Eine Harmonisierung der Regelungen auf EU-Ebene ist notwendig, um sowohl ein hohes Maß an Tierschutz als auch gleiche Wettbewerbsbedingungen in der EU zu erhalten. Denn die unterschiedlichen Praktiken insbesondere zwischen EU Staaten können zu einer Wettbewerbsverzerrung führen. Wenn deutsche Landwirte durch aufwendige Regelungen nicht so günstig produzieren können wie ihre Kollegen im Ausland, kann es leicht zu Produktionsverschiebungen kommen. An der Kühltheke im Supermarkt können wir in der Regel nicht nachvollziehen, wo das Schwein geboren und wie es ggfs. kastriert wurde.
Wer kein Fleisch von unbetäubten kastrierten Schweinen essen möchte, muss aktuell auf Schweinefleisch mit Naturland-Siegel zurückgreifen.
Wer die Möglichkeit hat, sein Fleisch direkt bei produzierenden Landwirten zu kaufen, kann sich hier gut über Herkunft, Aufzucht und Haltung der Tiere informieren.


Quellen und weiterführende Informationen


Ann-Cathrin.Wolter@dlr.rlp.de      drucken nach oben  zurück