Die Weinmarktkrise ist mehr als eine Absatzkrise

Stand: 07/23/2026
Warum sich viele Weingüter mit den richtigen Themen beschäftigen – aber häufig in der falschen Reihenfolge

Der Weinmarkt befindet sich im Wandel. Der Weinkonsum geht seit Jahren zurück, die Kosten steigen und viele Betriebe spüren den zunehmenden Wettbewerbsdruck. Unsere Umfrage „Wandel und Wirklichkeit am Weinmarkt“ zeigt deutlich: Viele Weingüter reagieren darauf, indem sie Investitionen zurückstellen. Wenn überhaupt investiert wird, dann vor allem in Vermarktung und Vertrieb.

Gleichzeitig entstehen ständig neue Möglichkeiten. Social Media, Newsletter, Online-Shops, Künstliche Intelligenz oder digitale Kundenkommunikation versprechen neue Chancen, Kunden zu gewinnen und bestehende Kunden enger an den Betrieb zu binden. Entsprechend groß ist das Interesse an Weiterbildungen zu genau diesen Themen.

Diese Entwicklung ist nachvollziehbar – und dennoch stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Suchen wir gerade nach Antworten, bevor wir die eigentliche Frage gestellt haben?

Die richtigen Themen – aber häufig in der falschen Reihenfolge
Bitte nicht falsch verstehen: Marketing, Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz sind wichtige Zukunftsthemen. Sie bieten enorme Chancen für Weinbaubetriebe.
Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht,
welches Werkzeug wir als Nächstes einsetzen sollten. Viel wichtiger ist die Frage, welches Problem wir eigentlich lösen möchten.

Viele Betriebe beginnen heute bei einzelnen Maßnahmen:


● Sollten wir auf Instagram aktiver werden?
● Brauchen wir einen Newsletter?
● Müssen wir TikTok nutzen?
● Wie kann KI unser Marketing übernehmen?


Das sind berechtigte Fragen. Vielleicht sollten wir ihnen jedoch eine andere voranstellen:
In welche Richtung soll sich unser Unternehmen in den kommenden Jahren überhaupt entwickeln?


Mehr Möglichkeiten – aber nicht mehr Ressourcen
Die Herausforderung liegt dabei nicht nur im Markt, sondern auch im Betrieb selbst.

Neue Werkzeuge ersetzen die bisherigen selten vollständig. Vielmehr kommen ständig weitere Möglichkeiten hinzu. Zur Website kamen Social Media, Newsletter, Online-Shops, Messenger-Dienste und heute Künstliche Intelligenz hinzu. Jede Entwicklung eröffnet neue Chancen – erhöht aber gleichzeitig die Komplexität. Gerade Familienweingüter verfügen jedoch meist nicht über zusätzliche Mitarbeiter oder mehr Zeit. Die Aufgaben werden häufig von denselben Personen übernommen, die gleichzeitig im Weinberg, Keller, Verkauf oder Büro tätig sind.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst viele neue Werkzeuge einzusetzen, sondern die vorhandenen Ressourcen gezielt dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen für den Betrieb stiften.

Strategie vor Werkzeugen
Vielleicht lohnt es sich deshalb, einen Schritt zurückzutreten.

Bevor wir über einzelne Marketingmaßnahmen oder digitale Werkzeuge sprechen, sollten wir zunächst überlegen:

● Wie soll sich unser Betrieb langfristig entwickeln?
● Welche Kunden möchten wir erreichen?
● Welche Stärken wollen wir ausbauen?
● Welche Ressourcen stehen uns dafür zur Verfügung?


Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich entscheiden, welche Maßnahmen den Betrieb tatsächlich voranbringen. Denn Instagram, Newsletter oder Künstliche Intelligenz sind keine Strategien. Sie sind Werkzeuge.


Mehr als eine Absatzkrise

Die aktuelle Situation am Weinmarkt ist deshalb mehr als eine reine Absatzkrise. Sie fordert viele Betriebe heraus, ihre unternehmerische Ausrichtung zu überprüfen und Prioritäten neu zu setzen. Die gute Nachricht lautet: Die meisten Weingüter beschäftigen sich bereits mit den richtigen Themen. Entscheidend ist jedoch, sie in der richtigen Reihenfolge anzugehen.


Im nächsten Beitrag dieser Reihe geht es deshalb um die Frage, wie Weinbaubetriebe auf den Wandel reagieren können – und warum Strategie vor allem eines schafft: Fokus.

Dirk.Paulus@dlr.rlp.de     www.Weinmarketing.rlp.de