Resistenzzüchtungen beim Apfel

1. Resistenzzüchtung als Teil eines integrierten Pflanzenschutz- programmes

Jeder gepflanzte Baum ist ein Eingriff in die Natur, der der ständigen Pflege bedarf. Es muss eine ständige Regulierung des durch den Gärtner künstlich geschaffenen Öko-Systems Obstbaum - Umwelt erfolgen. Überlassen wir den Baum sich selbst, wird er nicht lange überleben. Die Folge ist, dass bezüglich Krankheits- und Schädlingsbefall ständig regulierend im Sinne der menschlichen Ernährung, d.h. im Sinne einer qualitativ hochwertigen Ernte, eingegriffen werden muss. Dabei wurde früher auch mal übers Ziel hinausgeschossen und chemische Mittel eingesetzt, die auf Dauer der menschlichen Gesundheit schadeten (DDT zum Beispiel). Mit dem Übergang zu stärker ökologisch ausgerichteten Anbauverfahren wurde das Öko-System Baum-Umwelt mehr in den Mittelpunkt gestellt. Im Ergebnis konnte mit wesentlich weniger und geringer giftigen Chemikalien erfolgreicher Obstbau betrieben werden.

Pflanzenschutz im weitesten Sinne bedeutet heute, eine Strategie zu verfolgen, die sich auf gezielte und aufeinander abgestimmte Maßnahmen der Boden- und Pflanzenhygiene stützt, einschließlich der Nutzung der phytosanitären Wirkung geordneter Fruchtfolgen, des Einsatzes resistenter und toleranter Sorten, der Kombination biologischer und chemischer Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten auf der Grundlage einer exakten Bestandesüberwachung und der Tolerierung von Schaderregerschwellen. In diesem System kommt der pflanzlichen Resistenz eine entscheidende Bedeutung zu (Spaar 1983). Pflanzliche Resistenz wird gefördert durch eine optimale Umwelt für die Pflanze und durch pflanzeneigene, erblich bedingte mechanische oder biochemische Abwehrmechanismen.

Durch die seit vielen Jahren betriebene Resistenzzüchtung bei Obst werden heute Sorten zur Verfügung gestellt, die bereits Resistenz gegen mehrere Schaderreger besitzen, so z.B. die Pillnitzer Apfelsorten 'Remo', 'Rewena' , ‘Rebella’, ‚Regia’ oder 'Reanda', die sowohl Resistenz gegen Schorf als auch gegen Mehltau und gegen Feuerbrand besitzen. Solche Sorten schränken also den Bedarf an Pflanzenschutzmitteln weiter ein. Aber Sorten, die gegen alle Schädlinge und Krankheiten resistent sind, wird es mit Sicherheit in naher Zukunft nicht geben. Und bei allen bereits erreichten Resistenzen in den Kultursorten wird in der Züchtung nicht auf Immunität, sondern auf sog. "Feldresistenz" ausgelesen, d.h., dass ein geringer, wirtschaftlich nicht schadender Befall bewusst geduldet wird, um das System Wirt - Parasit stabil zu halten und ein Durchbrechen von Resistenzen durch Mutationen oder Rassenauslese innerhalb der Schaderregerpopulationen zumindest zu verlangsamen. Ganz zu vermeiden wird es nicht sein. Das System Wirt - Parasit ist stark witterungsabhängig und bedarf der jährlich neu zu durchdenkenden Regulierung. Chemische Pflanzenschutzmittel - auch Schwefel, Kupferkalkbrühe oder Seifenlösung sind chemische Mittel ! - werden also in den nächsten Jahren, wenn auch in abnehmender Menge und in weniger "giftigen" Formulierungen, weiterhin notwendig sein, um den hohen Anforderungen an die Qualität der Früchte gerecht werden zu können. Sie sollten aber entsprechend obiger Definition vom "Pflanzenschutz im weitesten Sinne" und unter Beachtung zu tolerierender Schaderregerschwellen nur so viel wie nötig und nicht so viel wie möglich eingesetzt werden. Auch der Einsatz mechanischer Mittel zur Abwehr von Krankheits- und Schädlingsbefall, wie z.B. das Abschneiden von mehltaubefallenen Trieben, das Abschneiden und Verbrennen feuerbrandbefallener Triebe, der Einsatz von Fallen aller Art, auch die Anwendung von Verwirrmethoden, drängen den direkten Einsatz chemischer Mittel weiter zurück.

In der Pillnitzer Apfelzüchtung wurden zwei Zielrichtungen verfolgt. Eine Zielrichtung ist die Züchtung neuer Apfelsorten zur Verbesserung und Ergänzung der im Erwerbsanbau befindlichen Sorten, die keine Resistenzgene besitzen und im landläufigen Sinne als konventionelle Apfelsorten bezeichnet werden. Zu dieser Gruppe zählen alle Pi-Sorten wie 'Piros', 'Pikant', 'Pimona', 'Pinova', 'Pilot', 'Pirol', 'Pingo', 'Pia', 'Piflora' und 'Pikkolo' (‚Pi-‚ ist abgeleitet von Pillnitz). Diese Sorten müssen wie die bekannten Apfelsorten 'Golden Delicious', 'Elstar', 'Jonagold', 'Braeburn', ‚Gala’ usw. im gleichen Maße gegen Schaderreger behandelt werden. Sie sind aber gegenüber einzelnen Krankheiten weniger empfindlich, da in der Selektion besonders auf Unempfindlichkeit bzw. Robustheit der Sorten geachtet wurde. Alle Einschätzungen, die von Seiten der Züchter gegeben wurden, beziehen sich logischerweise auf diese Grundbedingungen eines normalen Pflanzenschutzprogrammes. Mitunter findet man heute Pi-Sorten in Katalogen schon unter die resistenten Sorten eingeordnet. Das ehrt uns zwar, es stimmt aber nicht. Trotzdem kann man die Schlußfolgerung aus Anbauversuchen ohne Fungizidbehandlung ziehen, daß die ‚Pi-Sorten’ zu den relativ robusten Sorten zu zählen sind, die Fehler im Pflanzenschutz durchaus einmal tolerieren. Besonders ‘Pilot’, aber auch ‘Piros’ und die neue Sorte ‘Pingo’ fallen hier besonders positiv auf.

Die zweite Zielrichtung ist die Züchtung neuer Apfelsorten mit Resistenz gegen wirtschaftlich wichtige Schaderreger und gegen Streßbelastungen. Alle resistenten Sorten wurden mittels konventioneller Kombinationszüchtung erzeugt. Diese Gruppe von Sorten stellt eine völlig neue Qualität dar. Diese Sorten besitzen Resistenzgene gegen verschiedene Krankheiten, insbesondere gegen Schorf, gegen Feuerbrand und gegen Mehltau. Die resistenten Apfel-Neuzüchtungen aus Pillnitz sind unter dem Warenzeichen "Re-Sorte®" zusammengefasst (‚Re-‚ ist abgeleitet von Resistenz). Die Gruppe der "Re-Sorten®" umfaßt gegenwärtig 16 sortenrechtlich geschützte resistente Apfelsorten: ‚Rebella’, ‚Regine’, ‚Regia’, 'Reka', 'Reglindis', 'Retina', 'Remo', 'Rene', 'Rewena', 'Reanda', 'Relinda', 'Releika', 'Renora' und 'Resi', die sich bereits im Anbau befinden. Zwei weitere Sorten sind in Prüfung und zum Sortenschutz angemeldet: ‚Recolor’ und ‚Rekarda’. Auf die obstbauliche Beurteilung Letzterer aus der Praxis darf man gespannt sein. Die "Re-Sorten®" zeichnen sich durch unterschiedliche Resistenzgrade gegenüber den Krankheiten Schorf, Mehltau und Feuerbrand aus (siehe Tabelle). Die "Re-Sorten®" haben bisher in allen Prüfungen ohne Fungizidspritzungen ihren hohen Resistenzgrad gegen Schorf nachgewiesen. In der DDR wurden solche Prüfversuche unter verschiedenen ökologischen Bedingungen mit hohem Schorfinfektionsdruck über mehr als 15 Jahre in großen Versuchseinheiten durchgeführt. Zieht man die institutsinternen Prüfungen hinzu, sind die gegenwärtig im Anbau befindlichen "Re-Sorten®" solchen Härtetests inzwischen mehr als 25 Jahre unterzogen worden.

In der letzten Zeit gibt es allerdings Hinweise, dass die Schorfresistenz, die in den meisten resistenten Sorten von der Resistenzquelle Malus floribunda (Vf) stammt, unter bestimmten klimatischen Umständen durchbrochen werden kann. Hierbei helfen bestimmte Anbaumaßnahmen, aber auch Sorten, die andere Resistenzquellen besitzen, so von Antonovka (VA) oder von Malus pumila (Vr). Diese Resistenz ist bisher noch an keiner Stelle durchbrochen worden. Bereits Erwin Baur und Martin Schmidt benutzten diese polygenen Resistenzträger seit den 30 iger Jahren ! Sie sind immer noch eine wichtige Grundlage der Resistenzzüchtung in heutiger Zeit, indem durch Kombination verschiedener Resistenzquellen in neuen Sorten eine stabile Feldresistenz erreicht wird.

Ohne gezielten Pflanzenschutz sind auch die resistenten "Re-Sorten®" nicht anzubauen. Sie bedürfen einer Überwachung vor allem des Mehltaubefalls (siehe Tabelle 1 - nicht alle Sorten sind voll resistent ! ) und des Befalls mit Feuerbrand. Gegen ersteren genügt in der Regel die Verhinderung des Primärbefalls im Frühjahr, so dass in den Pflanzenschutzprogrammen 80 % der sonst üblichen Fungizidmenge eingespart werden können. Eine Fungizidspritzung im Frühjahr hat auch den Vorteil, dass eine Rassenauslese unter den Schorfrassen verhindert wird, die zu einer Änderung des Rassenspektrums in der Anlage und schließlich zum Durchbruch der Resistenz führen kann. Nicht oder nur schwach gegen Feuerbrand resistente Sorten bedürfen in Befallssituationen einer ebensolchen Überwachung wie andere Sorten, der Aufwand zur Beseitigung befallener Triebe dürfte aber erheblich geringer und die Gefahr eines epidemischen Auftretens stark gemindert sein. Eine genaue Information über die Resistenzeigenschaften vor einer Pflanzung von "Re-Sorten®" ist also angeraten. Tabelle 1 enthält alle bisher getesteten Resistenzen der "Re-Sorten®".

Pi- und "Re-Sorten" existieren bereits für alle Reifezeiten. Besonders wichtig ist dies für die "Re-Sorten®", weil nur durch eine geschlossene Pflanzung von "Re-Sorten®" der Vorteil der Fungizideinsparung voll wirksam werden kann. Dabei ist durchaus denkbar, dass etablierte "Re-Sorten®" durch Neueinführungen ersetzt oder anders eingestuft werden können. Eine Empfehlung für die unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten aller Pi- und Re-Sorten® enthält Tabelle 2 (Fischer, C. et al. 2000).

2. Resistenz gegenüber Frost

Neben den biotischen Schaderregern entscheidet auch die Widerstandsfähigkeit der Sorten gegenüber den abiotischen Schadfaktoren Winterfrost und Blütenfrost über eine hohe Bestandes- und Ertragssicherheit. Seit vielen Jahren werden auch diese Merkmale im Pillnitzer Apfelzüchtungsprogramm berücksichtigt.

Die Frostresistenz ist ein dynamischer Prozess, eine organ- und gewebespezifische Eigenschaft überwinternder Pflanzen. In der borealen Zone der Erde beruht die Winterfrostresistenz von Pflanzen auf dem temporären Erwerb einer protoplasmatischen Widerstandsfähigkeit gegen die extrazelluläre Eisbildung und einer damit verbundenen Entwässerung der Zellen. Die in der Übergangsphase von der Aktivität zur Ruhe erworbene Widerstandsfähigkeit wird als Gefriertoleranz bezeichnet. Durch Erwärmung sowie mit dem Ende des Winters schwindet die Gefriertoleranz. Die Frostresistenz in ihrer Gesamtheit ist genetisch fixiert. Nach Larcher und Mair (1969) ist sie ein erblich festgelegtes Konstitutionsmerkmal. Unter unseren klimatischen Winterbedingungen mit häufig wechselnden Temperaturen ober- und unterhalb der 0°C-Grenze ist die Frostresistenz als eine Anpassung an einen erblich vorgegebenen ‘Spielraum des Möglichen’ zu verstehen.

Bereits frühere Untersuchungen zeigten das Bemühen, die Frostresistenzeigenschaften der Obstgehölze zu analysieren, um sie für die Züchtung frostharter Sorten nutzbar zu machen. Das gelang mit der Ausarbeitung entsprechender Methoden zur Prüfung größerer Sortimente bzw. Populationen unter standardisierten Bedingungen (Mittelstädt 1979; Mittelstädt und Murawski 1975). So konnten einerseits aus dem Selektionsprozeß hochanfällige Klone bzw. Sorten rechtzeitig eliminiert werden und andererseits war eine relativ sicherere Charakterisierung des Verhaltens der Sorten bei Tieftemperaturen möglich (siehe Tabelle). Gleiches gilt für die Blütenfrosttoleranz, die vor allem von Salzer (Salzer und Nollau 1984, Salzer 2000) untersucht wurde.

Hohe Winterfrostresistenz zeigen die Sorten ‘Pinova’, ‘Pingo’, ‘Regine’, ‘Rebella’, ‘Relinda’, ‘Remo’ und ‘Reglindis’. Die Sorten ‘Ontario’, ‘Jonagold’, ‘Pirol’, ‘Prima’, ‘Releika’, ‘Resi’ und ‘Retina’ sind empfindlicher und werden bei Temperaturen unter -28°C geschädigt. Empfindlich gegen Spätfröste reagieren ‘Pikant’, ‘Piros’, ‘Havelgold’, ‘Releta’, ‘Remura’, ‘Reka’ und ‘Realka’. Dagegen erwiesen sich die Sorten ‘Pia’, ‘Pirol’, ‘Pilot’, ‘Pinova’, ‘Reanda’, ‘Rebella’, ‘Regine’, ‘Reglindis’, ‘Releika’, ‘Resi’ und ‘Renora’ als recht widerstandsfähig gegenüber Spätfrösten (siehe Tabelle 1).

3. Resistenz gegen Apfelschorf

Bereits vor 1910 entdeckte man, dass kleinfrüchtige Malus-Wildarten schorfresistent sind. Diese Resistenz wurde in Kultursorten eingekreuzt. In vielen Selektionsschritten konnten Sorten ausgelesen werden, die gute Qualität besitzen und zudem schorfresistent sind. Bekannte Sorten sind 'Prima', 'Florina' oder die Pillnitzer Sorten 'Remo', 'Reanda', ‘Rebella’, 'Renora' u.a. Aber auch in einer Reihe alter und neuerer Kultursorten sind Resistenzen gegen Schorf gefunden worden. Solche Sorten sind u.a. 'Steinantonowka', 'Rote Sternrenette', 'Hajeks Muskatrenette', 'Mio', 'Bramley's Seedling', ‘Carola’, ‘Discovery’ oder 'Alkmene'.

In den ersten Etappen der Resistenzzüchtung wurde jeweils nur eine Resistenzquelle eingekreuzt. Sehr wichtig ist aber die Tatsache, dass die Sorten der erste Serie von "Re-Sorten" bereits unterschiedliche Resistenzquellen besitzen.

- M.-floribunda (Vf)-Resistenz besitzen: 'Remo', 'Retina', 'Rewena', 'Rene', 'Reanda', 'Relinda', 'Releika', ‘Rebella’, ‘Regine’, 'Resi' und 'Renora';

- M.-pumila- ( M. domestica ?)-(Vr)-Resistenz besitzen: 'Realka', 'Releta', 'Remura', ‘Regia’ und 'Reka';

- polygene Antonovka (VA)-Resistenz besitzt: 'Reglindis' (markeranalytisch auch Vf nachgewiesen).

Die nächsten Züchtungsschritte beinhalten die Kombination verschiedener Resistenzquellen in einer Sorte, um die Sicherheit zu erhöhen, so dass die Stabilität der Resistenz gewahrt bleibt und kein Durchbrechen im Feldanbau ermöglicht wird. Im letzten Prüfstadium befinden sich bereits Zuchtstämme mit Antonovka- + M. floribunda-Resistenz.

4. Resistenz gegen Apfelmehltau

Schorfresistenz allein genügt nicht. So ist es ein wesentlicher Vorteil, daß einige schorfresistente Sorten, so besonders solche mit M.-floribunda (Vf)-Resistenz, auch über Mehltauresistenz verfügen. Von den "Re-Sorten" sind dies 'Remo', 'Rewena', ‘Rebella’, ‘Regine’ und 'Reanda'. Mittelmäßig resistent ( d.h. "feldresistent") sind 'Reka', 'Reglindis', 'Retina' und 'Relinda'. Stärker anfällig sind 'Rene', 'Realka', 'Releta', ‘Resi’ und 'Releika' . Gleiche Probleme traten im Feldbestand z.B. mit den schorfresistenten Sorten 'Jonafree', 'Freedom', 'Liberty', 'Priscilla', ‚Macfree’, ‚GoldRush’ und einigen neuen tschechischen Sorten, so mit ‘Jolana’, ‘Otava’, ‘Angold’, ‚Melodie’ und ‘Rosana’ auf. Auch ‘Ahra’ und ‘Ahrista’ waren stärker mehltaubefallen.

Der Mehltau hat sich in den letzten Jahren stark ausgebreitet. Mehrere milde Winter in Folge und zunehmend weniger Pflanzenschutzbehandlungen haben dazu beigetragen. Die meisten Sorten sind anfällig, nur wenige resistente oder zumindest gering anfällige Sorten wurden gefunden. Bereits 1876 untersuchte Koch über 100 Apfelsorten und fand lediglich 13 mit geringem oder ohne Befall. Das waren u.a. 'Danziger Kantapfel', 'Gestreifter Kardinal', 'Peasgoods Sondergleichen', 'Rheinischer Bohnapfel', 'James Grieve', 'Rote Sternrenette' und 'Roter Trierer Weinapfel'. Auch Nachkommen von 'Goldparmäne', 'Baumann' und 'Wealthy' brachten viele mehltaufreie Sämlinge. Weitere Sorten, bei denen weniger Probleme mit Mehltau auftreten, sind u.a. 'Close', ‘Discovery’, 'Golden Delicious', 'James Grieve, 'Linda', 'Lobo', 'Melba', ‘Rheinischer Bohnapfel’, 'Starking', 'Dülmener Rosenapfel', 'Helios', 'Alkmene', 'Starkrimson', 'Piros', 'Pilot' und die bereits genannten neuen schorfresistenten Sorten, so u.a. 'Remo', 'Rewena', 'Regine', ‚Regia’ und ‘Rebella’. Nach der Analyse vieler Nachkommenschaften in der Züchtung ist bewiesen, dass die Mehltauresistenz in Kultursorten mit Schorfresistenz kombiniert werden kann.

Die Resistenz gegenüber Mehltau prägt sich wesentlich differenzierter aus als die gegen Schorf. Die Mehltauresistenz ist zumeist polygen bedingt. Der Resistenzgrad kann dadurch stärker variieren, von sehr hoch bis schwach. Die genetisch bedingte Ausprägung der Resistenz gegenüber Mehltau ist stärker von den Umweltbedingungen und den Pflanzen selbst abhängig. So kann zum Beispiel durch eine Schwächung der Bäume Mehltau verstärkt auftreten. Wasserschosser sind bei allen Sorten, auch bei resistenten Sorten, durch Mehltaubefall gefährdet. Das gleiche gilt für nicht ausgereifte Triebe und Knospen und für mit Stickstoff überdüngte Bäume. Bei Spätinfektionen im Herbst können solche Gehölze und Gehölzteile noch infiziert werden. Ebenso spielen die Standortbedingungen eine größere Rolle, starke Mehltaubefallslagen sind eine bekannte Tatsache. Je nach Standort und Witterungsbedingungen kann vereinzelt auch bei widerstandsfähigen Sorten leichter Mehltaubefall auftreten, zumeist mit nur schwacher bzw. sehr schwacher Sporulation. Im Verlauf der Vegetationsperiode überwächst sich dieser Mehltaubefall im Gegensatz zu anfälligen Sorten, deren Mehltaubefall sich zumeist verstärkt, wenn nichts dagegen unternommen wird.

5. Resistenz gegen Feuerbrand

Der Feuerbrand ist eine Bakterienkrankheit, die im mitteleuropäischen Raum in den letzten 20 Jahren verstärkt aufgetreten ist. Besonders betroffen waren 1985 die mittleren und südlichen Gebiete der DDR und seit 1993 der süddeutsche und hessische Raum. Ursachen für das epidemische Auftreten an Obstgehölzen sind zumeist äußerst günstige Witterungsbedingungen für die Vermehrung der Bakterien im Gehölz sowie Überschneidungen der Blühzeiten von Hauptwirtspflanzen aus der Gruppe der Ziergehölze (z.B. Crataegus, Pyracantha, Cotoneaster) mit der Blüte der stark gefährdeten Obstarten Birne, Apfel und Quitte. Chemische Bekämpfung ist nahezu ausgeschlossen. Nach erfolgter Blüteninfektion wird der Feuerbrand vor allem durch Bienen, aber auch durch Vögel, Wasser und Wind stark verbreitet. Desweiteren kann Hagelschaden an Obstgehölzen Hauptursache für eine starke Verbreitung über Hagelwunden sein. Beseitigt man feuerbrandkranke Gehölzteile nicht, dienen diese als neue Infektionsquelle und verursachen einen sich ständig verstärkenden Befall. Bei Befall hilft am besten eine sofortiges Herausschneiden befallener Triebe bis ins gesunde Holz und eine konsequente Beseitigung befallener Triebe durch Verbrennung, nicht durch Kompostierung oder gar Herumliegenlassen bzw. Mulchen in den Anlagen.

Man unterscheidet zwei Arten von Befall, den Befall der Triebe und den der Blüten. Infektionen über die Blüte verursachen häufig auch einen stärkeren Triebbefall (‘Golden Delicious’, ‘James Grieve’, ‘Idared’, ‘Gloster’). Es gibt aber auch Sorten, die keinen Blütenbefall, aber starken Triebbefall (‘Yellowspur’, ‘Boskoop’, ‘Pikant’) und umgekehrt, starken Blütenbefall und nur geringen Triebbefall (‘Alkmene’) aufweisen. Im günstigsten Fall werden Sorten weder über die Blüte noch über den Trieb befallen, diese sind resistent. In der Sortengruppe der Pillnitzer "Re-Sorten®" befinden sich einige feuerbrandresistente Sorten, die in nunmehr über 15jährigen Prüfungen ihre Feuerbrandresistenz bewiesen haben. Einen hohen Resistenzgrad besitzen 'Rewena', 'Remo' ‘Rebella’ und 'Reanda', einen hohen bis mittleren Resistenzgrad zeigen 'Reglindis', 'Retina', 'Regine’, ‘Realka', ‚Regia’ und 'Rene'. Die Sorten 'Remo' und 'Realka' können mitunter in geringem Maße über die Blüte infiziert werden. Die Infektion kommt bei diesen Sorten aber zum Stillstand, ein Trenngewebe wird ausgebildet und die nächsten Knospen am gesunden Trieb treiben gesund aus. Sie besitzen eine aktive Resistenz, bei der die Ausbreitung des Feuerbrandbefalls im Gehölz gehemmt bzw. eingestellt wird, eine Gefahr für den Baum also nicht gegeben ist. Der Vorteil dieser Sorten liegt besonders in ihrer kombinierten Resistenz gegen mehrere Schaderreger.

Die meisten Kultursorten von Apfel sind stark bis sehr stark feuerbrandanfällig. Unter den am meisten gefährdeten Sorten befinden sich 'James Grieve', 'Auralia', 'Gloster', 'Melba', 'Apollo', 'Elstar', 'Cox', 'Gala', 'Rubinette', 'Pikant', 'McIntosh', 'Jonagold', 'Juno', ‚Pink Lady’ oder 'Idared'. Obwohl nicht aus der direkten Resistenzzüchtung stammend, zeichnet sich z.B. Pillnitzer Neuzüchtung ‘Pirol’, eine qualitativ hochwertige, ertragreiche und attraktive neue Herbstsorte, durch geringe Feuerbrandempfindlichkeit aus. Intensive Züchtung in zahlreichen Instituten verschiedener Länder führte zu feuerbrandresistenten Sorten, das sind u.a. 'Freedom', 'Liberty' , 'Prima' u.a. aus den USA, auch 'Florina' aus Frankreich ist wenig empfindlich. Diese Sorten sind auch schorfresistent und teilweise mehltauresistent, so daß ein wesentlicher Schritt in Richtung biologischer Anbau mit stark vermindertem Fungizid- oder Bakterizideinsatz getan worden ist. Weitere Sorten sind in Prüfung. Von den neueren Pi-Sorten sind ‚Pilot’ für Feuerbrand anfällig, ‚Pinova’ dagegen ist nur mäßig empfindlich trotz der Gefahr von Nachblühern. Die Bäume gehen daran nicht kaputt, Ausschneiden hilft in jedem Falle.

Es sei ausdrücklich darauf verwiesen, dass diese Ergebnisse alle mittels konventioneller Kombinationszüchtung erreicht wurden und Gentechnik, wie sie derzeit bevorzugt wird, für Apfel nicht notwenig erscheint.

6. Fruchtqualität

Ohne ausreichende Fruchtqualität nützt Resistenz wenig. Für die einzelnen Anbaugebiete wird es deshalb darauf ankommen, aus dem Sortenangebot durch Testung vor Ort diejenigen herauszufinden, die am besten gedeihen und ihre Qualitätseigenschaften optimal ausbilden. Dabei sind auch die unterschiedlichen Resistenzen zu beachten, die je nach regionalen Klima- und Infektionsbedingungen unterschiedlich zu wichten sind. Neben den säurebetonten Verarbeitungssorten ‘Remo’ und ‘Relinda’ sind Re-Sorten® in allen Geschmacksrichtungen vorhanden:

süß: ‘Releika’,

süß-säuerlich bis ausgeglichen: ‘Retina’, ‘Reglindis’, ‘Resi’, ‘Rebella’, ‘Remura’, ‘Releta’, ‚Regia’,

säuerlich-süß, aromatisch: ‘Rene’, ‘Reanda’, ‘Renora’, ‘Regine’, ‘Rewena’.

Diese Sorten erreichen ihr volles Aroma meist erst nach der Lagerung, nachdem auch ein stärkerer Säureabbau eingesetzt hat.

Diese hier gegebene Einschätzung trifft für mittlere Bedingungen, d.h. eine Jahresmitteltemperatur von 8,5 bis 9,0°C zu. In wärmeren Klimaten (Weinbaulagen) erreichen selbst die säurebetonten Verarbeitungssorten Tafelapfelqualität (‘Remo’ und ‘Relinda’ als Beispiel), wie viele Verkostungen gezeigt haben. Allerdings führten auch Verkostungen außerhalb der optimalen Genussreife (Wintersorten zu früh, Herbstsorten zu spät !) zu falschen Aussagen und verzerrten Sortenbeschreibungen. Und da Geschmack bekanntlich ‘Geschmackssache’ ist, sollten Objektivität, Toleranz und Wissenschaftlichkeit der Versuchsergebnisse oberstes Gebot sein. Die in Tabelle 2 zusammengefassten Empfehlungen für Pillnitzer Apfelsorten können aus der Summe der vorliegenden Ergebnisse abgeleitet werden.

Tabelle 1: Resistenzeigenschaften der Pillnitzer Re-Sorten®

Reb-
sorte
®
SchorfRes.-
Quelle
Mehl-
tau
Feuer-
brand
Bakt.-
brand
Rote SpinneBlüten-frostWinter- frost
ReandaR1VfMRRMAARMA
RebellaMRVfRMRRRRR
RegineMRVfMRMRMRRRR
ReleikaMRVfMAMRRRRA
RelindaRVfMRMARAMRR
RemoMRVfRMRMAMARR
ReneMRVfARMRARMA
RenoraRVfMRMAMAMAMRMR
ResiRVfMAMARARA
RetinaMRVfMRMAMAMRRA
RewenaRVfRRRMARMA
RealkaRVrARMAMAAMA
RegiaRVrRRMRMAMAR
RekaRVrMRMARAAMR
ReletaRVrAMARMAMAMA
RemuraRVrMRMAMAAMAR
ReglindisRVAMRMRMARRR
1R=resistent, MR=mäßig resistent, MA=mäßig anfällig, A=anfällig.

Tabelle 2: Nutzungsempfehlung für Pillnitzer Apfelsorten:

Pi-Sorten aus der ‘klassischen’ Züchtung:

· für Erwerbsanbau: Piros, Pia, Pirol, Piflora, Pinova, Pingo, Pilot

· für ‘Bio’-Anbau: Piros, Pingo, Pilot

· für Haus- und Kleingärten: Piros, Pia, Piflora, Pingo

· für Landschaftsgestaltung und Streuobstbau: keine Empfehlung

· für Verarbeitung: Pikant, Pingo, Pilot

Re-Sorten® aus der Resistenzzüchtung:

· für Erwerbsanbau: Retina, Reglindis, Resi, Reanda, Renora, Rebella, Regine, Regia

· für ‘Bio’-Anbau: Retina, Reka, Reglindis, Resi, Reanda, Renora, Rebella, Rewena, Regine, Relinda, Regia

· für Haus- und Kleingärten: Reglindis, Resi, Renora, Rebella, Regine, Regia

· für Landschaftsgestaltung und Streuobstbau:
Retina, Reka, Relinda, Rewena, Regia

· für Verarbeitung: Remo, Rewena, Rene, Relinda, (auch die Tafelsorten Reglindis, Reanda, Renora)

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Prof. Dr. Manfred Fischer, Prof. Dr. Christa Fischer, Söbrigener Str. 15, D - 01326 Dresden, e-Mail: manfred.fischer@sz-online.de






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