Sauerkirschenanbau unter Druck Bringen ungarische Neuzüchtungen die Lösung? (07/2009)

Vortrag von Dr. Tibor Szabo, Forschungsstation Ùjfehértó; und Dr. Zoltan Szabo u. Dr. Jozsef Nyeki Universität Debrecen
anläßlich der 60. Rheinhessischen Agrartage in Nieder-Olm


In verschiedenen Gegenden der Welt haben sich mannigfach Gene angehäuft, welche zur Entstehung der Kulturpflanzen beigetragen haben. Eine, vielleicht die reichste dieser Genressourcen, befindet sich im Karpatenbecken. Der Großteil der heutigen Sauerkirschensorten ist aus dieser Population entstanden oder mit gezielten Kreuzungen herausgezüchtet worden (Meteor korai, Érdi bőtermő, Érdi jubileum, Érdi nagygyümölcsű, Favorit, Maliga emléke, Piramis usw.). Bereits in früheren Jahrhunderten haben sich bekannte Sorten verbreitet (Pándy meggy (= Koröser), Cigánymeggy (=Zigeunerweichsel)), welche sich allmählich zu einer Population vieler Formen entwickelt haben. Aus derselben Quelle entstanden weitere Sortengruppen, die sogenannte Pipacsmeggy (Korai pipacsmeggy, Pipacs 1) und Bosnyákmeggy (Csengődi). Aus einer anderen in Nordost-Ungarn verbreiteten Sortengruppe wurden weitere Sorten gefunden und als wertvolle Lokalsorten registriert (Újfehértói fürtös, Debreceni bőtermő, Kántorjánosi, Éva, Petri). Die wertvollen Naturressourcen sind damit noch nicht ausgeschöpft und warten auf weitere Initiativen.

Die in Ungarn gezüchteten und ausgewählten Klone sind weltweit als anerkannte Sorten bekannt. Sie werden in verschiedenen Ländern mit Erfolg angebaut (USA, Chile, China, Deutschland, Polen usw.) und weitergezüchtet. Die Erzeugung von Sauerkirschenpulver hat in den USA großen Erfolg gehabt. Den Rohstoff lieferten dazu die dort angepflanzten ungarischen Sorten aufgrund ihrer hochwertigen Inhaltsstoffe. Durch die günstige Überlagerung von harmonischem Geschmack, Fruchtgröße und inneren Werten sind die Früchte vielseitig verwendbar, sowohl als frisches Obst wie auch als Rohstoff zur Verarbeitung. Die ungarischen Sorten können den Paradigmenwechsel einläuten, in welcher die Sauerkirsche nicht nur als Verarbeitungsprodukt, sondern auch zum Frischverzehr geschätzt wird. Die wachsenden Erkenntnisse um die gesundheitliche Funktion der Inhaltsstoffe für den menschlichen Organismus eröffnen der Sauerkirsche in der Zukunft neue Perspektiven als „functional food”.

Die für den Frischverzehr angebauten Sauerkirschen haben besondere Ansprüche an die Qualität:
  • größere Frucht,
  • Fruchtstiel frei von kleinen Nebenblättern (Brakteen),
  • kompakter Wuchs mit Verzweigung für eine günstige Kronenform,
  • Verträglichkeit und Toleranz mit schwachwüchsigen Unterlagen,
  • Resistenz gegen die wichtigsten Krankheiten (Monilia, Blumeriella, PNRV), sowie Befall der Kirschfruchtfliege,
  • möglichst geringe Platzempfindlichkeit

Die Qualität ungarischer Sauerkirschensorten für den Frischverzehr orientiert sich an der traditionellen Sorte `Pándy meggy´ als Maßstab. Gleichzeitig sind die neuen Sorten fruchtbarer und zuverlässiger im Ertrag. Sie können für verschiedene Zwecke verwendet werden, was besonders für die Tiefkühlindustrie wichtig ist.

Bei der Sauerkirsche sind die Ansprüche für Frischverzehr und Frostung deckungsgleich. Das bedeutet, dass die Früchte -je nach Nachfrage am Markt- für beide Verwertungsarten zur Verfügung stehen. Dabei ist zu beachten, dass die Fruchtsäure, die beim frischen Obst als angenehm empfunden wird, nach dem Auftauen nicht zu herb schmecken darf.

Für die Konservenverarbeitung spielt das Verhältnis Stein-Fruchtfleisch eine Rolle. Relativ große Steine beeinträchtigen die Ausbeute der Verarbeitung und erhöhen damit die Kosten. Die ungarischen Sauerkirschensorten können 3 Verwertungsgruppen zugeteilt werden:
a) Sorten für industrielle Verarbeitung, mechanisch beerntbar (nach Reifezeit): `Érdi jubileum´, `Cigánymeggy 7´, `Cigánymeggy 59´.
b) Sorten für den Frischverzehr (nach Reifezeit): `Meteor korai´, `Piramis´, `Érdi nagygyümölcsű´, `Csengődi´, `Favorit´, `Korai pipacsmeggy´, `Pándy meggy´, `Maliga emléke´.
c) Sorten für Doppelverwertung (nach Reifezeit): `Érdi bőtermő´, `Debreceni bőtermő´, `Újfehértói fürtös´, `Kántorjánosi 3´, `Éva´, `Petri´.

Die Sorten von Nordost-Ungarn gelten als international anerkannter Maßstab für alle Sauerkirschensorten. Dennoch stellen sie noch keine endgültige Lösung für die Zukunft dar. Zum einen konzentriert sich die Reifezeit der Sorten auf eine relativ kurze Zeitspanne, was die Ernte- und Vermarktungsorganisation trotz Mechanisierung erschwert. Zum anderen führt die enge Verwandtschaft der Sorten untereinander dazu, dass eine gegenseitige Befruchtung untereinander nicht möglich ist. In Jahren mit ungünstigen Wetter bzw. Bestäubungsbedingungen kann das eine ungenügende Befruchtung und schwache Erträge zur Folge haben.

Im Folgenden werden die wichtigsten Eigenschaften einiger Sorten beschrieben, die für eine Doppelverwertung geeignet sind:

Érdi bőtermőStandardsorte
Herkunft- Ungarn, Züchtung von Pál Maliga und János Apostol
- „Pándy” x „Nagy angol”“
Vorteile- 10 -12 Tage vor „Pándy” reif, wichtigste Sorte der frühen Saison
- maschinelle Ernte möglich
- vielseitig verwertbar (Frischverzehr, Konserve, Saft, Frostung,

Konditorei)
Nachteile- Ertrag mittel – schwach
- neigt zu „Schlitzästen“
Fruchtmittelgroß (5-6 g), Durchmesser 21-24 mm; runde, etwas längliche Fruchtform, an der Basis und Spitze ein wenig abgeflacht; Fruchtschale dunkel-karminrot; Fleisch mittel-fest, feinfaserig, dunkelrot, Saft mäßig rot gefärbt. Geschmack harmonisch süß-sauer. Der Fruchtstiel löst sich trocken ab. Maschinelle Ernte möglich. Brakteen fehlen.
Baummittelstark wüchsig; runde, etwas abgeflachte Krone; Äste biegen sich auseinander, sind aber vom Aufschlitzen gefährdet; Ertrag früh beginnend regelmäßig und hoch (in Deutschland meist nur mittel bis schwach); gute Fruchtqualität durch natürliche Fruchtansatzregulierung nach der Blüte, kein Überbehang. Ältere Bäume neigen zur Verkahlung und erfordern stärkeren Rückschnitt; Blüte früh und selbstfruchtbar.



Debreceni bőtermőStandardsorte
HerkunftUngarn, Selektion aus Lokalsorten der Region Debrecen
Vorteile- reift 3-5 Tage nach „Újfehértói fürtös”
- vielseitig verwertbar (Frischverzehr, Kompott und Frostung)
- regelmäßiger Ertrag
Nachteile- mittlere Fruchtgröße, schwach färbender Saft,
- Monilia anfällig
Fruchtmittelgroß (5,5 g), Durchmesser 20-22 mm, runde Form, Fruchtstiel löst sich trocken, der Größe, Aussehen und Geschmack vergleichbar mit Újfehértói fürtös und Pándy meggy. Fruchtschale ist dunkelrot, glänzend, das Fleisch ist rot, Saft weniger färbend als Újfehértói fürtös (sollte darum nicht mit anderen Sorten gemischt eingekocht werden)
Baummittelstark wachsend mit dichter, zeltförmiger Krone; dünne Triebe mit hängender Tendenz, sind aber komplett mit Knospen besetzt; gute Verzweigung, das Verkahlen kann mit regelmäßigem Schnitt verhindert werden; Ertrag früh und regelmäßig auch bei ungünstigem Wetter; anfälliger für Monilia als Újfehértói fürtös, für Blumeriella Blattfleckenkrankheit mittelmäßig anfällig. Blüte spät und selbstfertil.



Kántorjánosi 3 Standardsorte
HerkunftUngarn, Selektion aus Lokalsorten der Region Màtèszalka
Vorteile- große Frucht
- vielseitig verwertbar (Frischverzehr, Kompott und Frostung)
- robust gegen Prunus necrotic ringspot (PNRSV)
Nachteile- reift gleichzeitig mit „Újfehértói fürtös”
- Monilia anfällig
Fruchtmittelgroß (5,4 g), Durchmesser 21-23 mm; kugelige, etwas gedrückte Form; Fruchtschale purpurrot, Fleisch rot, Saft mittelmäßig färbend; fester als Újfehértói fürtös, neigt weniger zum Platzen; Geschmack mit starkem Sauerkirschencharakter. Frucht trennt sich trocken vom Stiel ab, geeignet für mechanische Ernte.
Baummittelstark- bis starkwachsend mit breit ausladender Krone; Wuchshöhe bleibt begrenzt. Farbe von Rinde und Triebe heller als bei Újfehértói fürtös; neigt ab Ertragsphase zum Verkahlen (regelmäßiger Schnitt erforderlich); Ertrag früh und regelmäßig; Blüte spät und selbstfertil; im Vergelich zu Újfehértói fürtös und Debreceni bőtermő weniger anfällig für Blumeriella aber stärker für Monilia, robust gegen Stecklenbergervirose Prunus necrotic ringspot (PNRSV)



Újfehértói fürtös Standardsorte
HerkunftUngarn, Zufallssämling aus der Forschungsstation Újfehértó
Vorteile- stabiler Fruchtansatz
- vielseitig verwertbar (Frischverzehr, Konserve, Kompott und Frostung)
- tolerant gegen Monilia
Nachteile- reift spät (in Ungarn Anfang Juli und später)
- mittlere Fruchtgröße, heller Saft,
- Blumeriella anfällig
Fruchtmittelgroß bis groß (5,3 g), Durchmesser je nach Behang zwischen 18-23 mm; runde, etwas abgeflachte Fruchtform; Fruchtschale glänzend purpurrot, Fleisch fest, blutrot, mäßig färbender Saft; Geschmack harmonisch sauer-süss; Zuckergehalt höher als „Kántorjánosi”; Frucht trennt sich bei voller Reife trocken vom Stiel.
Baumstarkwachsend, aufrecht strebende Äste mit hängenden, peitschenartigen Trieben, Krone bleibt kleiner als „Pándy”; Wachstum wird in der Ertragsphase ausgeglichener; regelmäßiger Auslichtungs- und Verjüngungsschnitt gegen Verkahlung erforderlich; Ertrag früh, hoch und regelmäßig; hervorragende ökologische Anpassungsfähigkeit, auch für Sandböden mit etwas Humusgehalt geeignet; starke Tendenz zur Blütenknospenbildung, relativ frostharte Knospen; Trockenperioden werden -auf Kosten der Fruchtgröße- vertragen;. Blüte spät und selbstfertil; mäßig anfällig für Monilia, mittelstark für Blumeriella.



Petri (LPP 4/1R) Versuchssorte
HerkunftUngarn, Zufallssämling aus Lövőpetri von Ferenc Szőke, Sortenschutz beantragt
Vorteile- stabiler Fruchtansatz
- vielseitig verwertbar (Frischverzehr, indutrielle Verarbeitung)
- kleine, dichte kompakte Krone mit reichem Ertrag
Nachteile- Reifezeit wie „Újfehértó fürtös”
- mäßig färbender Saft,
Fruchtmittelgroß (5-5,5 g), Fruchtdurchmesser bei 21,5 mm, flachkugelige Form, Fruchtschale glänzend purpurrot, Fleisch fest, Fruchtsaft mäßig färbend. Geschmack harmonisch sauer-süß und aromatisch; neigt nicht zum Abstoßen der Früchte
Baummittelstarkwüchsig, etwas aufrecht strebend, Krone wird später breiter und rund, gute Verzweigungstendenz, Äste dicht besetzt mit Fruchttrieben; Baumkrone braucht im fortgeschrittenen Alter regelmäßige Auslichtung. Hauptqualität liegt in der kleinen, dichten, kompakten Krone mit reichem Ertrag.



Éva (LPP 4/1T)Versuchssorte
HerkunftUngarn, Zufallssämling aus Hausgärten von Fényeslitke/Nordost-Ungarn von Ferenc Szőke, Sortenschutz beantragt
Vorteile- hoher Ertrag
- vielseitig verwertbar (Frischverzehr, indutrielle Verarbeitung)
Nachteile- Reifezeit wie „Újfehértó fürtös”
- mäßig färbender Saft
Fruchtmittelgroß (5,3 g); Durchmesser 21,8 mm; Form rundlich, etwas flach; Fruchtschale dunkelrot, glänzend, Fleisch fest, mäßig färbender Saft; Geschmack etwas saurer mit weniger Zucker als Újfehértói fürtös; neigt nicht zum Abstoßen der Früchte; in allen Eigenschaften, Erscheinung und Geschmack der Sorte Újfehértó fürtös ähnlich,
Baumstarkwüchsig, Krone aufrecht strebend, aber kleiner als „Újfehértói fürtös”; ältere Triebe hängen peitschenartig, was durch Auslichtungsschnitt verhindert werden kann; Tendenz zur Verkahlung wesentlich geringer als bei „Újfehértói fürtös”; Ertrag früh und sehr hoch;





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