Virtuelles Wasser - Wie viel Wasser wir wirklich verbrauchen -

Wasser ist das wertvollste ökologische Gut. Der globale Umgang mit Wasser wird das Bild der zukünftigen Welt prägen. Zugang zu sauberem Trinkwasser, genug Wasser für die Nahrungsmittelproduktion und Hygiene sind Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein.
Deutschland steht auf den ersten Blick in Sachen Wasserverbrauch im Vergleich mit anderen Industriestaaten gut da. Wir sind „Weltmeister“ im Wassersparen, benutzen wassersparende Armaturen und kaufen optimierte Haushaltsgeräte. Der tägliche Haushaltswasserbedarf pro Kopf beträgt 124 Liter (zum Vergleich: 1991 noch 144 Liter).
Bei genauerem Hinsehen sind wir jedoch ein Land, das große Mengen von „virtuellem Wasser“ importiert.

Wenn wir den Begriff „virtuell“ verwenden, dann meist in der Bedeutung „nicht wirklich, als Möglichkeit oder nur in der Vorstellung vorhanden“. Kann es Wasser geben, das nur in der Vorstellung vorhanden ist?

Den Begriff prägte der englische Geograf John Anthony Allan in den 1990er Jahren. „Virtuelles Wasser“ beschreibt, welche Menge Wasser in einem Produkt oder einer Dienstleistung enthalten ist oder zur Herstellung verwendet wird. Es ist zunächst nicht sichtbar, sondern versteckt. Es wird z. B. für die Bewässerung von Pflanzen, für die Aufzucht von Tieren oder für die Herstellung von Kleidung oder Papier verbraucht. Pro Bundesbürger sind das täglich etwa 4000 Liter!


Virtuelles Wasser im Einkaufskorb

Fachleute des UNESCO Institute for Water Education haben ermittelt, wie viel Wasser für die Produktion von Lebensmitteln eigentlich benötigt wird. Anhand einiger ausgewählter Produkte kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie viel virtuelles Wasser wir einkaufen.

Produkt
virtuelles Wasser (Liter)
1 Tomate
13
1 kleiner Apfel (100 g)
70
1 kg Möhren
130
1 Tasse Kaffee
140
1 Glas Apfelsaft
190
1 Ei
200
1 Glas Milch (200 ml)
200
1 kg Kartoffeln
250
1 Hamburger
2400
1 kg Schweinefleisch
4800
1 kg Rindfleisch
15455

Der globale Handel mit Futter- und Lebensmitteln ist auch ein Handel mit riesigen Mengen an Wasser.

Problematisch wird es, wenn in der Region für die Herstellung des Produktes mehr Wasser benötigt wird als durch Niederschläge nachgeführt wird. Entscheidend ist also, wo die Produktion stattfindet!

Beispiel Tomaten
Wir sind es gewohnt, jederzeit Tomaten kaufen zu können. Im Durchschnitt werden für die Produktion von 1 kg Tomaten 184 Liter Wasser benötigt.
Nur 6% der in Deutschland vermarkteten Tomaten werden hier produziert. Ein großer Teil der importierten Ware wird mittels künstlicher Bewässerung in sonnenreichen Regionen Südeuropas angebaut.
Zu den eindrucksvollsten Beispielen für den Export von virtuellem Wasser aus Regionen mit geringem Wasserangebot gehört der bereits auf dem Satellitenbild von Südspanien auffallende weiße Streifen um die Stadt Almeria. Auf einem etwas 15 km breiten Landstreifen zwischen Meer und Sierra Nevada werden auf einer Fläche von 50.000 ha etwa 2,7 Millionen Tonnen Obst und Gemüse produziert. Mit Intensivkulturen wie Paprika und Tomaten wird die Hälfte des Umsatzes erzielt. Bis zu fünf Ernten pro Jahr sind möglich. Mit dem Import von Gemüse aus Spanien gelangen jährlich circa 150.000 Kubikmeter virtuelles Wasser nach Deutschland.
Der intensive Tomatenanbau erfordert rund 320 mm Wasser je Quadratmeter und Jahr. Tatsächlich fallen in Andalusien jährlich nur 200 mm Niederschläge je Quadratmeter, so dass die Differenz über Grundwasser gedeckt werden muss. Die Folge ist: Die für die Bewässerung genutzten Grundwasservorkommen werden nicht durch Niederschläge aufgefüllt, der Grundwasserspiegel sinkt ab, salziges Meerwasser dringt ein.
In Deutschland hingegen fallen durchschnittlich pro Jahr 1000 mm Niederschläge. Das von den Pflanzen aufgenommene Wasser wird ohne Probleme durch die Niederschläge ersetzt.

Ähnliches gilt für den Erdbeeranbau.

Mehr und mehr Gemüse und Früchte importiert Deutschland im Winterhalbjahr aus Marokko und Tunesien. Die Arbeitskräfte sind dort noch preiswerter, der Wasserraubbau ist vergleichbar mit Andalusien.


Virtuelles Wasser und Nachhaltigkeit



Die Erkenntnisse über den virtuellen Wasserverbrauch könnten helfen, globale Wasserprobleme zu lösen. Die verfügbaren Daten lassen erkennen, wie wichtig z. B. der Versuch ist, durch sparsame Bewässerungstechniken den Wasserverbrauch je Tomate oder Zitrone zu senken. Auch können wasserarme Länder die Erkenntnisse zum virtuellen Wasser berücksichtigen, wenn sie überlegen, welche landwirtschaftlichen Bereiche sie in Zukunft ausbauen wollen. Die Ausweitung von Getreide- und Gemüseanbau in Wüstengebieten, wie sie verschiedene Länder im Nahen Osten planen, ist unter diesem Aspekt problematisch.
Ebenso gilt es, den bereits eingeschlagenen Weg einer Mehrfachnutzung von Wasser in Kreislaufsystemen konsequent auszubauen.

Für den Verbraucher bietet das Wissen um den virtuellen Wasserverbrauch die Chance, beim Einkaufen zu berücksichtigen, wie viel kostbares Wasser für die Produktion der Waren verbraucht wird, die man in den Einkaufskorb legt. Viele Produkte, die nach Deutschland importiert werden, wachsen auch hier – zumindest zu bestimmten Jahreszeiten. Durch den jahreszeitlich angepassten Kauf von Obst und Gemüse aus der Region lässt sich die virtuelle Wasserbilanz erheblich verbessern.

Wer bewusster einkauft und konsumiert, spart dort Wasser, wo es wirklich drauf ankommt, nämlich in den Regionen der Erde, wo Wasser mehr und mehr zu einer konfliktträchtigen Ressource wird.


Quellen und weiterführende Informationen:





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