Qualitätssteigerung im Weinbau: Maßnahmen - Ergebnisse - Aufwand

 Zur Qualitätssteigerung im Weinberg durch mechanische Eingriffe in die Laubwandstruktur und in die Ertragsleistung werden am DLR - RNH in Oppenheim schon seit drei Jahren umfangreiche Versuche vorgenommen. In den vergangenen Jahren wurde bereits über die Ergebnisse der Jahre 2002 und 2003 berichtet. In diesem Beitrag soll ein Fazit über die drei Untersuchungsjahre gezogen, neue Ergebnisse des Jahres 2004 vorgestellt und ein Einblick in die Arbeitswirtschaft und die Kosten der untersuchten qualitätsfördernden Maßnahmen gegeben werden.

Untersuchte qualitätsfördernde Maßnahmen

• KF (Kontrolle Flachbogen, ca. 12 Triebe /Stock) • TR (Triebzahlreduktion von 10-12 auf 6-8 Triebe/Stock) • EvB (manuelle Entblätterung von 3-4 basalen Blättern pro Trieb kurz vor/ nach der Blüte), GH (Gescheinhalbierung) • TH (Traubenhalbierung) • EzR (manuelle Ent­blätterung von 3-4 basalen Blättern pro Trieb zum Reifebe­ginn) • A (Ausdünnung auf 1 Traube/Trieb zum Reifebeginn) folgende Kombinationen der genannten Verfahren: TR+EvB, EvB+GH, EvB+TH, EvB+A, TR+EvB+GH, TR+EvB+TH maschinelle Ent­blätte­rung mit verschiedenen Geräten

Fazit aus drei Versuchsjahren

Nimmt man das Mostgewicht als Qualitätsindikator, so zeigten die Jahre 2002 und 2004 die stärksten und das Jahr 2003 mit dem außergewöhnlich hohen Mostgewichtsniveau die ge­ringsten Reaktionen auf qualitätsfördernde Maßnahmen. Die folgenden Ergebnisse stellen - sofern keine Angaben zu Jahrgang und Rebsorte gemacht werden - Durchschnitts­werte (prozentualen Veränderungen zur Kontrolle) über mehrere Sorten und Jahre dar.

Auswirkungen einzelner Maßnahmen:

Durch eine intensive Triebzahlreduktion (TR) konnte die Ertragsleistung um ca. 26% gesenkt und das Mostgewicht um knapp 6% gesteigert werden. Nachteile sind ein u.U. zu mastiger Wuchs in wüchsigen Anlagen und eine um ca. 80% höhere Botrytisbefallsstärke durch kom­paktere Trauben. Die Triebzahlreduktion stellt mit einem Bedarf von 20 Akh/ha (nach korrektem Ausbrechen auch im Kopfbereich) eine arbeitswirtschaftlich interessante Variante der Ertragsreduzierung dar. Intensive Ausbrecharbeiten (auch auf der Bogrebe) sollten als Grundvoraussetzung für die Erzeugung eines hochwertigen Lesegutes angesehen werden. Darüber hinaus sind weitere quali­täts­­fördernde Maßnahmen in Erwägung zu ziehen. Ideal ist die Kombination mit der frühen Entblätterung, um zusätzlich den Gesundheitszustand des Lesegutes zu fördern und die Wuchskraft zu reduzieren.
Die frühe manuelle Entblätterung (EvB) führte i.d.R. zu einer Ertragsreduzierung (geringeres Beerengewicht und/oder geringere Beerenzahl) um knapp 20% und zu einem Mostgewichtsanstieg (Ertragsreduzierung, bessere Besonnung, Kompensation des Blattflächenverlustes durch Leistungssteigerung der verbliebenen Blätter) um ca. 4%. Die Beeren durchlaufen ihre gesamte Entwicklung bei intensiverer Belichtung. Die Beerenhaut wird dadurch robuster und unterliegt keiner größe­ren Son­nenbrandgefahr. Ebenso wurde die Botrytis­befallsstärke um 57% herabge­setzt. Der Säureabbau wurde - wenn überhaupt - nur leicht forciert. Gleiches gilt für den Gesamtphenolgehalt im Most. Der Holzertrag kann leicht sinken und die Chlorosegefahr u.U. etwas ansteigen, was auf eine ­frühe Stresssituation hin­deutet. Deshalb sollten gestresste Anlagen nicht früh entblättert werden. Andererseits kann in zu wüchsigen Anlagen eine Wuchsreduzierung erreicht werden. Die genannten Effekte lassen sich auch noch bei einer Entblätterung kurz nach Schrotkorngröße der Beeren erzielen. Der Arbeitsaufwand von rund 70 Akh/ha erlaubt jedoch nur die Entblätterung einer begrenzten Rebfläche. Eine größere Flächenleistung ist nur durch den Einsatz von Entlaubungsgeräten möglich. Voraussetzung hierfür ist eine exakte Heftarbeit.
Die Versuche 2004 haben gezeigt, dass alle auf dem Markt angebotenen Entblätterungsgeräte bei beidseitiger Entlaubung i.d.R. weitgehend in der Lage sind, die posi­tiven Effekte (Ertrags- u. Botrytisreduzierung, Mostgewichtsanstieg) der manuellen Entblätterung zu erreichen. Praxisrelevante Unterschiede zwischen den Geräten sind v.a. in der erforderlichen Schlepperleistung, den Anschaffungskosten sowie in der Flächenleistung zu suchen. Der Entlaubungsgrad ist zwar bei der maschinellen Entblätterung etwas geringer als bei der manuellen, dafür besteht bei der Maschinenentblätterung in Abhängigkeit vom Gerät bei aggressiver Einstellung die Möglichkeit, auch Trauben bzw. Traubenteile mit zu entfernen, wodurch ein ähnlicher ertragsreduzierender Effekt wie bei der intensiven Handentblätterung erreicht wird.
Die manuelle Entblätterung zum Reifebeginn (EzR) hatte keinen wesentlichen Einfluss auf die Mostgewichts- und Ertragsleistung. Die Erträge sanken im Durch­schnitt der Jahre um 10%, was vor allem auf einen deutlich erhöhten Sonnenbrand zurück­zuführen ist. Das Mostgewicht stieg nur um knapp 1% an. Die Nachteile des späten Entblätterns lagen - verglichen mit der frühen Entblätterung - vor allem in einer deut­lich erhöhten Sonnenbrandgefahr und der geringeren Botrytishemmung (39%). Ähn­lich wie die Reifeentwicklung wurde auch die Verfärbung bei roten Rebsorten weni­ger begünstigt als bei früher Entblätterung. Im Gegensatz zur frühen Entblätterung wird die Pflanzenschutzmittelanlagerung an die Trauben hier nicht über die gesamte Vegetations­zeit begünstigt. Der Arbeitsaufwand ist gleich. Von der maschinellen Ent­blätterung ist ab Reifebeginn abzuraten, da diese ab Weichwerden der Beeren zu stärkeren Verletzungen führt.
Die Gescheinhalbierung (GH) hatte im Jahr 2004 bei Riesling und Dornfelder eine Ertragsreduzierung von etwa 20% und ein damit verbundener beachtlicher Mostgewichtsanstieg von knapp 10% zur Folge. Beabsichtigt wurde mit dieser Maßnahme auch eine gewisse Auflockerung der Traube mit der Folge einer zusätzlichen Botrytisminderung. Dies konnte jedoch nicht realisiert werden. Die Botrytisbefallsstärke stieg beim Riesling sogar um ca. 40% an. Hierzu trägt sicherlich die beschleunigte Reife und der nicht ganz so intensive Auflockerungseffekt (Ertragskompensation durch begünstigtes Dickenwachstum der Beeren bei früher Ertragsredu­zierung) als bei dem Traubenteilen bei. Deshalb bietet sich die Gescheinhalbierung in Kombination mit der frühen Teilentblätterung an.
Das Traubenteilen bzw. Traubenhalbieren (TH) hatte einen ertragsreduzierenden Effekt von ca. 37%, der also das Niveau der Ausdünnung auf eine Traube pro Trieb nicht erreicht. Der spätere Termin (Traubenschluss) tendiert zu etwas lockerer­en Trauben und leicht geringeren Erträgen als bei früher Traubenhalbierung (Schrotkorngröße). Die Mostgewichte wurden um ca. 9% erhöht. Die Lockerbeerigkeit und die damit verbundene Botrytisfestigkeit der Trauben wurde deutlich verbessert. Das erhöhte Botrytisrisiko, wie es bei der klassischen Ausdünnung auf eine Traube / Trieb be­steht, ist hier nicht zu befürchten. Im Gegenteil, die Botrytisbefallsstärke sank gegenüber der Kontrolle so­gar um 49%. Die Traubenhalbierung stellt somit eine sinnvolle Maßnahme zur Er­tragsreduzierung dar. Der Arbeitsaufwand liegt eher unterhalb der Ausdünnung auf eine Traube pro Trieb und die Anforderungen an die Arbeitskräfte sind geringer.
Die Ausdünnung auf eine Traube pro Trieb (A) verursachte mit ca. 52% eine deutliche Ertragsreduzierung und einen Mostgewichtsanstieg um knapp 11%. Als problematisch ist der um ca. 26% erhöhte Botrytisbefall zu bewerten. Dies gilt besonders für kompakte Traubenformen und anhaltend feuchter Witterung. Wie an späterer Stelle noch beschrieben wird, ist der Ausdünnung zur Botrytisminderung eine frühe Entblätterung vorzuschalten.

Maßnahmenkombinationen:

Eine Qualitätsförderung im Weinbau ist in idealer Weise nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch eine sinnvolle Maßnahmenkombinationen zu erreichen. Im Folgenden sind einige Ergebnisse hierzu dargestellt.

Die Kombination der Triebzahlreduktion mit der frühen Entblätterung (TR+EvB) hatte eine weitere Ertragsreduzierung und einen leichten Mostgewichtsanstieg zur Folge. Bei einem Ertragsrückgang von 39% stieg das Mostgewicht um 6,4% an. Der botrytisfördernde Effekt der Triebzahlreduktion wurde durch die zusätzliche Entblätterung eliminiert und die Botrytisbefallsstärke sogar um ca. 44% vermindert.
Die Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Ausdünnung auf eine Traube pro Trieb sinnvollerweise mit der frühen Entblätterung zu kombinieren ist (EvB+A). Durch diese Maßnahme konnte der Ertrag um ca. 60% reduziert und das Mostgewicht um knapp 12% gesteigert werden. Ein wesentlicher Vorteil dieser Kombination liegt auch darin, dass die bei der Ausdünnung verstärkte Botrytisneigung durch die zusätzliche
Entblätterung vollständig eliminiert und die Botrytisbefallsstärke sogar um 48% unter die Kontrolle gedrückt werden konnte.



Abb 1: Einfluss verschiedener qualitätsfördernder Maßnahmen auf Ertrag, Mostgewicht und Botrytisbefall (Durchschnitt mehrerer Rebsorten der Jahre 2002-2004)

Bei der Kombination der frühen Entblätterung mit der Gescheinhalbierung (EvB+GH) konnte im Jahr 2004 bei Silvaner und Riesling der Ertrag um ca. 36% vermindert und das Mostgewicht um ca. 8% gesteigert werden. Die Ertragsreduzierung wurde durch die zusätzliche Entblätterung also noch deutlich verstärkt, das Mostgewicht jedoch nicht mehr wesentlich verändert. Der größte Vorteil dieser Kombination liegt jedoch darin, dass die Botytisbefallsstärke nicht anstieg, sondern sogar um 30% vermindert wurde.
Die Kombination der Triebzahlreduktion mit der frühen Entblätterung und der Gescheinhalbierung bzw. Traubenhalbierung (TR+EvB+GH bzw.TH) hatte im Jahr 2004 bei Silvaner eine Ertragsreduzierung um mehr als 60% und eine damit verbun­dene Mostgewichtssteigerung von ca. 18% bei gleichzeitiger Minderung der Botrytis­befallsstärke um mehr als 90% zur Folge.

Qualitätsmaßnahmen beim Dornfelder – Versuch 2004

Dornfelder zeichnet sich durch sehr große Trauben, weite Internodienabstände und somit durch ein ungünstiges Blatt/Frucht-Verhältnis aus. Deshalb ist es einleuchtend, dass sich ertragsreduzierende Maßnahmen besonders positiv auf das Mostgewicht auswirken. Dass die manuelle Entblätterung der Taubenzone vor der Blüte ebenfalls zu leicht steigenden Mostgewichten führen kann, ist dagegen bemerkenswert. Erklären lässt sich dieser Sachverhalt durch die einhergehende Ertragsminderung von ca. 20%, eine bessere Besonnung der Trauben (erleichterte Zuckereinlagerung) und eine zu vermutende steigende Photosyntheseleistung der verbliebenen Blätter. Eine stärkere Geiztriebbildung, induziert durch die Entblätterung der Traubenzone, kann in diesem Versuch ausgeschlossen werden. Insgesamt gesehen war beim Dornfelder die Mostgewichtssteigerung infolge reduzierter Erträge am stärksten ausgeprägt. Das Traubenteilen (ca. 14 Tage vor der Ausdünnung auf eine Traube pro Trieb) brachte den größten Mostgewichtsanstieg (vgl. Abb. 2).
Abb.2: Mostgewichte und Erträge bei Dornfelder in Abhängigkeit von qualitätsfördernden Maßnahmen

Arbeitsaufwand und Kosten der qualitätsfördernden Maßnahmen

Alle Maßnahmen bei denen manuell Gescheine oder Trauben entfernt werden, sind als sehr arbeitsintensiv einzustufen. Kombiniert man diese mit der Triebzahlreduktion und/oder mit der beidseitigen maschinellen Entblätterung, so kann nicht nur das Mostgewicht weiter gesteigert und der Gesundheitszustand gefördert, sondern auch der Gesamtarbeitszeitbedarf gesenkt werden. Die arbeitswirtschaftlich günstige Triebzahlreduktion vermindert den Umfang der späteren Ertragsreduzierungsmaßnahmen und die Entblätterung erleichtert diese Maßnahmen durch die frei hängenden Trauben. Aus diesem Grunde steigen auch die Kosten bei solchen Maßnahmen­kombinationen verglichen mit den einzelnen Maßnahmen verhältnismäßig wenig an (vgl. Tab. 1). Zu bedenken ist, dass der Erlös pro ha in wesentlich größerem Umfang vom Ertragsverlust als von den Kosten der Qualitätsmaßnahmen bestimmt wird. Umso stärker der ertragsreduzierende Effekt, desto höher muss der Auszahlungspreis pro Liter Most / Wein ausfallen bzw. desto mehr müssen die Qualitätsbemühungen von der abnehmenden Hand entlohnt werden (vgl. Tab. 1). Nicht direktvermarktenden Betriebe können dies i.d.R. nicht oder nur unzureichend realisieren. Direktvermarkter können den erforderlichen Mehrpreis für die gestiegene Qualität dagegen eher beim Kunden rechtfertigen.


Tab. 1: Arbeitswirtschaft und Kosten qualitätsfördernder Maßnahmen und Maßnahmenkombinationen


Download: 4 Qualitätssteigerung im Weinbau.pdf



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